Presse

 

Wiesbadener Tagblatt


Die Sprache ist das Wichtigste


Im "Lern-Planeten" kommen die Kursteilnehmer aus aller Herren Länder

Von Anja Baumgart-Pietsch, 29.11.2007

 

 

Lernen mit StreicheltierWer hier leben will, muss die Sprache beherrschen. Einige Angebote mit Deutschkursen für Zuwanderer stellen wir in dieser Woche vor.

 



Einen lächelnden und einen traurigen Smiley malt Sabine Bügler an die Tafel. Das soll die Wörter "ernst" und "lustig" erklären. Wir befinden uns in einem Integrationskurs beim "Lern-Planet" in der Rheinstraße. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen ist eifrig damit beschäftigt, die Aufgaben im Deutschbuch "Tangram" zu bearbeiten. Es ist ein Kurs der fünften Lern-Stufe.


Das Anrecht auf 600 Stunden Deutschunterricht haben Migranten, die nach Deutschland kommen, seit zwei Jahren - und nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht. Nach einem Sprachtest wird entschieden, in welches Modul die einzelnen Teilnehmer einsteigen können. All dies wird von verschiedenen Instituten in Wiesbaden angeboten, die sich in einem regelmäßigen Arbeitskreis darüber austauschen.

 

Der Lern-Planet, 1994 von Benjamin Bulgay gegründet, ist eines davon. Der Inhaber weiß genau, wie wichtig Sprache für die Integration ist. Er kam selbst mit zehn Jahren ohne jegliche Deutschkenntnisse aus der Türkei hierher. Es gab damals keinerlei Angebote für die "Gastarbeiter" und ihre Familien. "Ich habe zuerst nichts verstanden und jeden Tag nach der Schule geweint", erinnert sich der Diplom-Pädagoge, der es seinen Eltern zu verdanken hat, dass er doch bald Deutsch lernte und sich hier gut integrieren konnte. "Mein Vater hat sich - als Muslim - sogar eine deutsche Bibel gekauft und diese jeden Abend mit uns gelesen", sagt Bulgay und berichtet, dass er damals jeden Tag vierzig neue deutsche Vokabeln lernen musste.

 

Diesen Mühen der ausschließlichen Selbstmotivation müssen sich die heutigen Einwanderer nicht mehr unterziehen. In den Integrationskursen sind die Lehrkräfte bestrebt, ihnen anhand alltäglicher Situationen die Kenntnisse zu vermitteln, die sie brauchen, um im deutschen Alltag und in der Arbeitswelt zu bestehen.


Sein Institut hat den Schwerpunkt ursprünglich auf Kinder- und Jugendarbeit gelegt - Nachhilfe, Therapie, Anti-Aggressionstraining, ein sehr vielseitiges Angebot gibt es hier. "Doch jetzt besteht ein Großteil unserer Arbeit aus den Integrationskursen; wir haben auch die Kinderbetreuung für andere Anbieter mit übernommen, weil wir viel Platz hier haben", berichtet der Inhaber.

 

Mit zwei Euro pro Stunde wird der Kurs vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vergütet, einen trägt der Teilnehmer nach Möglichkeit selbst. Nicht gerade viel - aber für Benjamin Bulgay ist es wichtig, im Anbieterkreis vertreten zu sein. "Sprache ist das Allerwichtigste", weiß er selbst nur zu genau. Darum stellte er auch eigens neue Lehrkräfte ein, befindet sich zur Zeit wieder auf der Suche nach Deutschlehrern für die Kurse, von denen eine Menge auf dem Stundenplan des "Lern-Planeten" stehen. Sowohl in Vollzeit - täglich fünf Stunden - als auch in Teilzeit zwei oder dreimal pro Woche sind die Kurse hier belegbar.


Teilnehmerin Rohina aus Afghanistan ist begeistert. Die junge Frau hat einen Asylantrag gestellt, weil sie sich in ihrem Heimatland nicht weiterentwickeln konnte, weiter studieren möchte, "aber die Männer wollen das nicht", sagt sie. Sie hat zwar mutig studiert und auch bereits für die Uno gearbeitet, entschloss sich dennoch angesichts der Situation zur Auswanderung nach Deutschland, wo bereits ihre Schwester lebt. Hier lernte sie ihren Mann, einen deutschen Juristen, kennen. "Jetzt lerne ich richtig sprechen und dann studiere ich im nächsten Jahr weiter", freut sich die 25-Jährige, die sehr wissbegierig ist. Deutsche Freundinnen fehlen ihr noch. "Aber hier im Kurs kann man auch viel sprechen, die Lehrerin lässt alle mal was sagen".

 

Das ist auch tatsächlich das Konzept von Sabine Bügler, die immer wieder die Teilnehmer aus aller Herren Länder anspricht und motiviert, Fragen zu beantworten. Schwierige Vokabeln schreibt sie an die Tafel - in der heutigen Lektion, in der es um die "Stationen des Lebens" geht, ist einiges dabei: "Standesamt", "Schultüte", und auch die "erste Liebe" - die Teilnehmer schmunzeln.

"Die stärkste Nation ist die Türkei, und die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahren alt", sagt die Lehrerin. Sie habe aber auch einen Abendkurs, "da kommt wirklich jeder aus einem anderen Land". Ihnen allen gerecht zu werden, ist nicht einfach. Doch mit dem vom BAMF entwickelten Kurskonzept, das viel Raum für individuelle Ausgestaltung lässt, können gute Erfolge erzielt werden.

Die internationale Runde beim "Lern-Planeten" jedenfalls kann sich an diesem Morgen schon ganz gut verständigen, sogar als Sabine Bügler das Für und Wider des Tragens von Schuluniformen - kein einfaches Thema - bespricht. Die Grammatik ist sicher noch nicht perfekt, aber auf alltagssprachliche Fähigkeiten kommt es an, und diese lernt man im Integrationskurs.

 

Mehr Informationen unter www.lern-planet.de